Accordance oder BibleWorks?

War bisher die Entscheidung für Mac OS oder Windows für den Bibelwissenschaftler gleichbedeutend mit der für Accordance oder BibleWorks, so hat sich die Situation gewandelt, seit Accordance in Version 10 auf beiden Plattformen zu Hause ist. Aus der bisherigen Zwangsehe ist nun eine freie Partnerwahl geworden und so stellt sich die Frage, mit welchem von beiden man wohl eher den gemeinsamen Weg durch die Exegese gehen will. Oder sollte man gar auf Bigamie setzen? In einem kurzen ersten Abriss wollen wir diesen Fragen nachgehen.

Fenster in die Vergangenheit

Nichts wird beim ersten Start von BibleWorks deutlicher, als seine Entstehungsgeschichte. Eine Überfülle von Reitern, Schaltflächen, Menüs und Icons prägt die über Jahre gewachsene Oberfläche. Seit Version 9 sind die Symbole zwar etwas bunter und moderner geworden. Intuitiv sind sie aber deswegen noch lange nicht. Wer vermag schon zu ergründen, hinter welchem der fünf Alphas in der Werkzeugleiste sich die Tastatureinstellungen verbergen? Diese Frage ist dagegen weniger rhetorisch, als sie anmutet: Wer bereits seit Jahren mit BibleWorks arbeitet kennt seine Funktionen und kann hier unvergleichlich schnell zum Ziel gelangen.

Angebissener Apfel

Accordance dagegen überrascht den Windows-Routinier mit seiner grauen Nüchternheit und Eleganz. Einige große Schaltflächen führen zu den wichtigsten Arbeitsbereichen, der Rest verbirgt sich hinter den Menüs. Seine Mac Herkunft will das Programm dann auch gar nicht verbergen. Die Suchleiste ist charakteristisch designt und anstatt „Datei” erwartet den Anwender die apfeleske „Ablage”. Bei aller Reduktion und gestalterischer Konsequenz muss der Nutzer aber doch mitunter seinen Weg suchen, um an alle Optionen zu kommen. Ungewöhnlich für den amerikanisch geprägten Markt ist die deutsche Benutzeroberfläche, die Accordance standardmäßig auf deutschsprachigen Betriebssystemen aktiviert. Noch enthält diese kleine Fehler, man kann aber bereits ohne Fremdsprachenkenntnisse damit arbeiten.

Der Text im Fokus

Auch wenn alleine BibleWorks damit wirbt: Beide Programm legen ihren je eigenen Fokus auf den Text. BibleWorks nimmt sich grundlegend jeden Vers einzeln vor und präsentiert parallel eine ganze Batterie an Vergleichstexten. Das Programm räumt der Analyse einen eigenen Bereich neben dem Text ein, während man seine Versliste (ein Feature, das Accordance ganz fehlt) und seinen Text links davon aufbewahrt. Je nach Bildschirmhöhe und Textausgabe können sieben bis acht verschiedene Versionen in einzelnen Versen angezeigt oder auf nur einen Fließtext umgestellt werden.
Accordance dagegen stellt den Fließtext in den Mittelpunkt. Parallelen erscheinen rechts davon, ebenfalls im Fluss, und werden beim Scrollen mitbewegt. So lassen sich je nach Bildschirmbreite drei bis vier Versionen gleichzeitig betrachten. Ein untenliegendes Detailfenster übernimmt die Analyse.

Funktionen und Features

Beide Programme bieten eine Fülle an interessanten und intelligenten Funktionen rund um den Text, die sich im Kern nicht groß unterscheiden. Bei den mitgelieferten Ressourcen gibt es dagegen deutlich größere Unterschiede. Währende BibleWorks immer als großes Paket kommt, das um einzelne Module erweitert werden kann, ist Accordance von Anfang an sehr schlank. Hier kann und muss vieles hinzugekauft werden, wodurch man aber auch genauer steuern kann, in welche Funktion man sein Geld investiert.
Wer bspw. wegen Unkenntnis der alten Sprachen lieber am deutschen Text arbeitet, findet in Accordance eine Hilfe, die bisher nur die SESB geboten hat, nämlich eine lemmatisierte Version vieler deutscher Übersetzungen. D.h. dass in diesen Texten nicht nur nach exakten Zeichenfolgen gesucht werden kann (Volltextsuche), sondern auch nach allen flektierten Formen eines Lemmas. Während also eine normale Volltextsuche beim Suchbegriff „gehen” nur exakt die Belege „gehen” ergibt, findet die Suche nach dem Lemma „gehen” auch Formen wie „ging, gegangen, gehend” etc.

Fazit

Beide frischgebackenen Konkurrenten sind gute und ausgereifte Programme für das Bibelstudium. Man wird das eine nicht gegen das andere ausspielen können. Accordance wird sicher dem Anfänger eher zusagen als das überladene BibleWorks. Umsteiger fühlen sich wiederum in Accordance erst einmal beengt. Die Auswahl an richtigen Modulen erfordert bei Accordance genaues Abwägen, anders als bei BibleWorks ist die Grundausgabe noch nicht ausreichend für das ernsthafte Arbeiten. Wer hingegen eine deutsche Benutzeroberfläche wünscht, kommt an Accordance derzeit nicht vorbei. Gleiches gilt für die Arbeit mit deutschen Lemmata.
Eine Doppelanschaffung ist wiederum recht teuer. Hierfür bieten die beiden Programm auch wenig Anlass, denn einen entscheidenden Unterschied konnten wir bisher nicht erkennen. Die Herangehensweise ist durchaus verschieden, was aber für sich noch keine doppelte Investition rechtfertigt.
So bleibt letztlich die freie Wahl zwischen zwei guten Angeboten für den Nutzer. Das ist gerade für den exegetischen Bereich eine durchaus luxuriöse Situation.