Biblia Hebraica für MFchi und Bibel digital

Deutsche Bibelgesellschaft, ISBN: 9783438019387, 25 Euro.

Autor der Rezension: Dipl.-Theol. Matthias Jendrek

Die elektronische Ausgabe der „Biblia Hebraica”, die bei der Deutschen Bibelgesellschaft in der Reihe „CD-ROM Bibel Edition” erschienen ist und demnächst neu in der Reihe „Bibel digital” aufgelegt werden soll, enthält den Text folgender Druckfassung:

Elliger, Karl / Rudolph, Wilhelm: Biblia Hebraica Stuttgartensia, Stuttgart (DBG) 3. Auflage 1983,

allerdings ohne kritischen Apparat und ohne die Masora. Es ist anzunehmen, dass die Neuausgabe des elektronischen Textes für „Bibel digital” eine neuere Auflage des gedruckten Textes wiedergeben wird.

Zur Testinstallation liegt bereits die neu gestaltete Programmoberfläche der Reihe „Bibel digital” vor. Als deutscher Referenztext dient die Bibel nach Martin Luther, revidierte Ausgabe 1984, in neuer Rechtschreibung (elektronische Ausgabe 2003). Grundsätzlich ist eine Nutzung der Biblia Hebraica auch ohne Installation direkt von CD möglich, dann allerdings nicht in Kombination mit anderen Textausgaben.

Der Verzicht auf den kritischen Apparat und die Masora stellt einen Nachteil gegenüber der Druckversion dar. Die Entscheidung mag im Rahmen des Basisprogramms MFchi die Übersichtlichkeit erhöhen; da der Preis mit derzeit 25 Euro allerdings etwas über den 20 Euro der letzten gedruckten Studienausgabe liegt, muss der Interessierte sich entscheiden, was er tatsächlich benötigt: Die Vorzüge eines elektronischen Textes (siehe dazu die Rezension des Programms „MFchi”) oder die vollständigen Daten einer kritischen Ausgabe. Nach eigener Aussage in der Programmhilfe dient der Verzicht der Übersichtlichkeit; es bleibt die Frage offen, ob eine elektronische Aufarbeitung eines kritischen Apparates dessen Handhabung nicht vereinfachen könnte. (Die textkritischen Apparate zur Septuaginta, zur Biblia Hebraica Stuttgartensia, zur neuen Biblia Hebraica Quinta sowie zum Novum Testamentum Graece bietet das Programm "Stuttgarter Elektronische Studienbibel" - SESB.)

Nach Installation und Erstaufruf gestaltet sich der MFchi-Ausgangsbildschirm in etwa so:
BHS Ausgangsbildschirm
Die Lesbarkeit des Hebräischen Textes hängt stark von den Einstellungen des Betriebssystems (wie etwa der verwendeten Schriftglättung) und vom verwendeten Monitor ab. Wer Mühe hat, die masoretische Punktation zu erkennen, kann dem durch Wahl eines größeren Schriftgrades für „normalen Text” in den Grundeinstellungen von MFchi beikommen. Die Auswahl einer anderen Schriftart für hebräische Zeichen ist nicht möglich, allerdings auch nicht erforderlich, der erforderliche Zeichensatz wird mitgeliefert.

Bei direkter Angabe von Bibelstellen für die Hebraica versteht MFchi sowohl die Buchkürzel nach den Loccumer Richtlinien als auch die in der BHS verwendeten Kürzel. In der MFchi-Grundnavigation ergibt sich durch die semitische Schrift weiters die Notwendigkeit, deren Zeichen in die Suchfelder einzugeben. Bei aktivierten hebräischen Ausgaben erscheint darum in der Eingabezeile eine zusätzliche Auswahlmöglichkeit für die Schrift.
BHS EingabezeileDie tatsächliche Eingabe kann entweder über die Tastatur oder mit Hilfe eines sich automatisch öffnenden Eingabefensterchens erfolgen:
BHS Hilfefensterchen
Die Schreibrichtung wechselt automatisch zu rechts-nach-links, die Sinnrichtung der Cursor- und Löschtasten bleibt indes dieselbe (Löschen [Backspace] löscht weiterhin das Zeichen links vom Cursor usw.).

Dem Kenner des Hebräischen fällt auf, dass im Eingabefenster die masoretische Punktation, die Akzente und Finalbuchstaben fehlen. In der MFchi-Programmhilfe heißt es dazu:

„Bei der Suche nach hebräischen Wortformen bleiben die Vokalzeichen, die masoretischen Akzente, sowie die unterschiedlichen Formen von Kaph, Mem, Nun, Pe und Sade unberücksichtigt. Es werden nur die 23 Konsonanten (Sin und Schin werden altem Brauch folgend als zwei verschiedene Buchstaben unterschieden) berücksichtigt. Daher sind in der Eingabehilfe die Sonderzeichen auch nicht vorgesehen. Es werden stets alle Wortformen gefunden, die den eingegebenen Konsonantenbestand haben, unabhängig davon welche sonstige [sic] Zeichen diese Wortform noch enthält.

Es ist jedoch erlaubt, ins Eingabefeld hebräische Wortformen mit Akzenten einzugeben - z.B. durch Kopieren und Einfügen aus dem Text. Die eingegebenen Vokalzeichen, Akzente und Schlussbuchstaben werden dann für die Suche ignoriert.”

Einerseits erleichtert dieses Verhalten die Eingabe der Suchbegriffe enorm, andererseits bedeutet es einen Verlust an Präzision, insbesondere dann, wenn sich die Bedeutung eines Suchbegriffs nur mit Hilfe der masoretischen Punktation eindeutig bestimmen lässt. Hier ist, ähnlich wie bei der Frage nach dem kritischen Apparat, das Interesse des Nutzers gefragt. Immerhin lassen sich durch Kombination mehrerer Begriffe und Verwendung der Platzhalterzeichen Formen mit und ohne matres lectionis finden:
BHSMaterLectionisSuche
(Der Text in der Eingabezeile in Umschrift lautete „DV?D;DVD” und findet den Namen Davids sowohl mit als auch ohne Iod. „?” ist das Platzhalterzeichen dafür, der Strichpunkt verbindet die beiden Suchbegriffe durch ODER.) [zur LXX]

Komplexere Suchaufgaben mittels des „Dialogfensters zur Begriffsangabe” erfordern bereits eine gewisse Einarbeitung in die Syntax der Suchmasken und eine solide Kenntnis des Hebräischen. Grundkenntnisse in der Sprache reichen möglicherweise nicht aus, um beispielsweise bei der Suche nach dem Vorkommen eines bestimmten Begriffs an die Eingabe des Konsonantenbestands aller möglichen Flexionsformen zu denken. Eine Liste der hebräischen Lemmata der BHS oder ein Wörterbuch sind freilich für den Preis des Programms nicht zu erwarten. Das gezeigte Suchergebnisfenster demonstriert zugleich die in MFchi grundsätzlich vorhandenen Möglichkeiten des Text- und Übersetzungsvergleichs, die bei Wahl einer textnahen Übersetzung zur Parallelanzeige auch als Hilfe zur Erstellung einer eigenen Arbeitsübersetzung genutzt werden kann.

Insbesondere bei den Textausgaben in nichtlateinischen Schriften erscheint die Möglichkeit direkter Übernahme von Zitaten in andere Programme, beispielsweise eine Textverarbeitung, reizvoll. Hier baut allerdings bereits das Betriebssystem Windows einige Hürden auf, da es von Haus aus zunächst nur lateinische Zeichensätze unterstützt. Mittlerweile ist mit der Unicode-Technik prinzipiell eine Technik verfügbar, dieses Problem zu umgehen. Im World Wide Web wird diese Möglichkeit bereits rege genutzt; im Alltag der deutschen Sprache zeigt sich das daran, dass Webbrowser bei Verwendung der Umlaute ä, ö, ü oder des scharfen ß kaum noch Fehler produzieren.

Leider wird Unicode von MFchi (noch) nicht unterstützt. Der verwendete Zeichensatz „SIL Ezra” ist nach Angaben von SIL international selbst mittlerweile veraltet und durch einen Unicode-Zeichensatz mit Namen „Ezra SIL” ersetzt worden. Durch die Installation der Biblia Hebraica wird der alte Font zwar auf dem System verfügbar, lässt sich aber nur wie jede andere westliche Schriftart nutzen, was durch die gegenläufige Schreibrichtung in normalen Textverarbeitungsprogrammen einen Zeilenumbruch unmöglich macht. Zudem sind unlogische Tastaturbelegungen und Schwierigkeiten mit der Anzeige kombinierter Zeichen (z. B. ein Aleph mit Segol) die Folge.
Daneben erweist sich bereits das simple Kopieren+Einfügen mittels der Betriebssystem-Standardtasten Strg+C/Strg+V aus MFchi heraus als nicht mehr ganz so simpel. Wird nur einfach markierter Text kopiert - einfach markierter Text - erscheint in der Textverarbeitung beim Einfügen nur Buchstabensalat. Das Ergebnis sähe unter MS Office 2003 etwa so aus:
BHSCopyPaste1
Eine Möglichkeit, dies zu beheben, bestünde in der nachträglichen Zuweisung der richtigen Schriftart „SIL Ezra” an den Text. Die Beschreibung einer anderen, eleganteren Lösung versteckt sich recht tief in der speziellen Programmhilfe der Biblia Hebraica. Durch Markieren des gewünschten Abschnitts mit einem grünen Markierungsbalken - was einen äußerst präzisen Mausklick links neben den Text voraussetzt:
BHSCopyPaste2
- und anschließender Wahl des Befehls „Kopieren” über Strg+C, das Menü „Bearbeiten” oder die rechte Maustaste wird der Text samt Format als RichText in die Zwischenablage exportiert. Das Ergebnis in der Textverarbeitung erscheint im Beispiel so:BHS CopyPaste 3
Dieses Ergebnis ist aufgrund der Unzulänglichkeiten der Betriebssysteme im Umgang mit fremden Zeichen zwar immer noch alles andere als ideal (und von MFchi-Seite her stört bei Kopieren eines Suchergebnisses die mitkopierte Trennlinie), aber wenigstens brauchbar. [zur LXX]

Fazit: Als exegetisches Hilfsmittel wirkt die Biblia Hebraica, für sich genommen, etwas unzureichend. Da der kritische Apparat bewusst fehlt und das direkte Kopieren in die Textverarbeitung schwierig bleibt, eignet sich das Programm zum schnellen Nachschlagen einer Bibelstelle nur für jene, die des Hebräischen kundig sind. Mittels der MFchi-Suchfunktionen lassen sich einfachere Aufgaben aus der Arbeit mit einer Konkordanz bewältigen. Die eher schmale Ausstattung ist vor allem darum bedauerlich, weil gerade Einsteiger und Neuinteressenten eher zu den preislich günstigeren „CD-ROM Bibel Edition” und „Bibel-Digital”-Modulen greifen dürften als zu umfangreicher (und teurer) Spezialsoftware, womöglich aber nicht über ausreichende Kenntnisse des Hebräischen verfügen, um ohne weitere Hilfsmittel damit zu arbeiten. Sinnvoll erscheint die Ausgabe indes als Ergänzung zu einer MFchi-Installation mit mehreren Übersetzungen und Sprachen, um rasch einen zuverlässigen Originaltext bei der Hand zu haben.

Wünschenswert für eine der nächsten Ausgaben wäre eine Umstellung der Anzeige des hebräischen Textes auf Unicode.

Zum Autor dieser Rezension
Matthias Jendrek, Diplomtheologe, hat an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz katholische Theologie studiert. Von Mitte 2007 bis Anfang 2009 war er am Aufbau des Projekts Bibelsoftware beteiligt. Seine Abschlussarbeit im Fach Exegese des Alten Testaments bei Prof. Dr.  Thomas Hieke befasste sich mit dem Thema „Esras Gebet. (Esr 9,6-15)”.