Verbum 7 (Logos 7)

Faithlife Corporation (formerly Logos Bible Software), Bellingham, Washington, USA.

Autor der Rezension: Prof. Dr. Thomas Hieke

Erstellt: Januar 2015 (Verbum 6), aktualisiert: September 2016 (Verbum 7); August 2018

Unter https://www.logos.com kann man jeweils die aktuellen Angebote und Paketinhalte einsehen. Die folgende Rezension basiert (auch bei den Screenshots) auf Verbum 6; die Änderungen zu Logos/Verbum 7 werden knapp erwähnt.

Für Theologiestudierende und Lehrende an Universitäten und Hochschulen gibt es ein spezielles, kostenloses "Einsteigerpaket" zu Logos. Dazu gibt es auf der Seite "Logos Academic Basic" nähere Informationen.

 

Verbum - Startseite

Startet man Verbum, so wird man von einer Art „Homepage” begrüßt, die neben einem grafisch ins Auge fallenden täglich wechselnden Bibelspruch eine Auswahl aus den verschiedenen Produkten vorführt. In der linken Spalte findet man die Tageslesungen aus dem Lektionar und - falls vorhanden - eine Information zum/zur Tagesheiligen. Das sieht dann z.B. für den 29.12.2014 so aus:

Man kann das Lektionar wechseln (z.B. vom „Catholic Lectionary” zum „Revised Common Lectionary” oder auch zum „Lutheran Service Book”) - über das Einstellungszahnrad rechts neben dem eigenen Namen ist die Auswahl zugänglich:

Klickt man auf das Wort „Heute”, öffnet sich ein Kalender, aus dem man einen anderen Tag des Jahres wählen kann. Natürlich sind auch die Bibelstellen verlinkt, so das man durch einen einfachen Klick auf die Stelle diese samt einer Reihe anderer Ressourcen (z.B. das „Roman Missal” zum Tag) präsentiert bekommt. Solche Inhalte können z.B. auch - im Falle von Lk 2,22-35 - ein Bild zur Darstellung Jesu im Tempel (etwa von Fra Angelico) oder Erläuterungen zum Begriff „Turteltaube” (hebräische und griechische Begriffe) sein.

Werkzeuge - Interaktive Medien

Ein interessantes Feature von Logos/Verbum sind die unter „Werkzeuge” aufgeführten „interaktiven Medien”. Neben einigen Spielereien von eher zweifelhafter Bedeutsamkeit finden sich mehrere recht hilfreiche Dinge:

Text Converter: Man kann einen hebräischen oder griechischen Text in eine Zeile kopieren und erhält sofort verschiedene Arten von Transkriptionen, z.B. eine sehr detaillierte „wissenschaftliche” Transkription, den Transkriptionsstil der Society of Biblical Literature, eine vereinfachte Transkription oder auch - im Falle von Hebräisch - den Text ohne Kantillationszeichen oder den reinen Konsonantentext.

Morphology Charts: Man gibt ein Lemma (hebräisch oder griechisch) ein und erhält eine Tabelle, in welchen grammatikalischen (morphologischen) Formen dieses Lemma wie oft vorkommt. Beim Lemma ברא, „erschaffen”, sieht das beispielsweise so aus:

Hier wurde auf das Partizip Qal Constructus geklickt, und die drei Belege (im Bild gelb markiert) werden unten ausgegeben: in der morphologisch analysierten Lexham Hebrew Bible und in der Einheitsübersetzung. (Hinweis: Anstelle von „Constant” muss hier wohl „Construct” stehen.)

Weights & Measures Converter: Hier werden biblische Maße und Gewichte auf heutige Maßeinheiten umgerechnet.

Hebrew Alphabet Tutor, Hebrew Cantillations, Greek Alphabet Tutor: Mit diesen Werkzeugen kann man das hebräische und griechische Alphabet sowie die hebräischen Kantillationszeichen lernen.

Canon Comparison: Dies ist eines der interessantesten Werkzeuge. Aufgrund der Komplexität empfiehlt es sich, das Fenster zunächst „freizustellen” - diese Funktion gibt es im Übrigen bei jedem Element in Logos. Man erreicht sie durch Klicken auf das Inhaltssymbol links oben im Fenster (oder über <strg>+F11). Hat man das „canon comparison”-Fenster groß gemacht, so zeigt sich die ganze Vielfalt der christlichen Kanonausprägungen (oder „Bibeln”). In der linken Inhaltsspalte lassen sich unter „Traditions” die verschiedenen Kanonausprägungen der Religionen („jüdische Bibel” vs. „christliche Bibel”) und Konfessionen (Lutherbibel vs. römisch-katholische Bibel usw.) veranschaulichen. Hinzu kommen Kurzinformationen zur jeweiligen Ausprägung. - Neben den „Traditionen” lassen sich aber auch diverse Kanonlisten veranschaulichen, so z.B. die des Melito von Sardes (ca. 170 n. Chr.) oder die Liste auf dem so genannten „Canon Muratori” (2./3. Jh. n. Chr.), aber auch neuzeitliche Listen (Konzil von Trient 1546 oder die Westminster Confession 1646). Besonders wertvoll sind jedoch die Inhaltsangaben zu konkreten Handschriften und Bibelausgaben: Hier lassen sich z.B. Umfang und Anordnung des Codex von Aleppo oder des Codex Alexandrinus veranschaulichen. Neben der Grafik finden sich dann auch Links zum Logos-internen „Factbook” (eine Zusammenstellung von in der eigenen Bibliothek vorhandenen Informationen zum jeweiligen Stichwort, also z.B. „Codex Alexandrinus”) sowie zu Wikipedia und weiteren Online-Quellen. Folgendes Beispiel zeigt den AT-Teil der Liste zum Codex Sinaiticus:

Schließlich erlaubt es die Vergleichsfunktion („Compare”), die verschiedenen Kanonlisten und Kanonausprägungen im Einzelnen anzuhaken und so eine Vergleichsgrafik zu erstellen. Als Beispiel seien hier einige frühchristliche Kanonlisten und Septuagintahandschriften sowie die Sixto-Clementina-Vulgataausgabe verglichen:

Die Liste geht selbstverständlich weiter, durch Scrollen kommt man dann auch bis ins Neue Testament.

Bibelhandschriften aus Qumran

Unter dem Titel "Qumran Biblical Dead Sea Scrolls Database" stellt Logos eine Zusammenstellung derjenigen hebräischen Bibeltexte zur Verfügung, die in den Höhlen von Qumran gefunden wurden. Diese Bibelhandschriften sind um ein Jahrtausend älter als die ältesten hebräischen Bibelhandschriften aus dem Mittelalter, die die Grundlage für die heutigen wissenschaftlichen Ausgaben der Biblia Hebraica bilden. Für die wissenschaftliche Nutzung des hebräischen Bibeltextes ist der Blick in die Qumran-Textzeugen sehr wichtig. Sowohl der textkritische Apparat der Biblia Hebraica Stuttgartensia als auch der Biblia Hebraica Quinta verweist immer wieder auf die Qumran-Lesarten. In der Biblical Dead Sea Scrolls-Ausgabe kann man sich nun die gefundenen Fragmente Bibelstelle für Bibelstelle ansehen. Für die Transkription zeichnet Dr. Stephen Pfann verantwortlich, die Morphologie wurde von Dr. Michael Heiser erarbeitet. "Morphologie" bedeutet, dass man beim Ansteuern eines hebräischen Wortes mit dem Mauszeiger die grammatische Analyse angezeigt bekommt, wie das sonst auch beim hebräischen Bibeltext funktioniert.

Das folgende Beispiel zeigt einen komplexen Befund in 2 Sam 6,7. In der rechten Spalte findet man den masoretischen Text der Biblia Hebraica Stuttgartensia (2 Sam 6,6-7), den textkritischen Apparat und die Übersetzung der Zürcher Bibel. In 2 Sam 6,7 heißt es, dass Gott zornig über Ussa war wegen dessen Vermessenheit, und dass Ussa bei der Lade Gottes starb. Blickt man in den textkritischen Apparat, wird man auf die Qumran-Handschrift verwiesen (das Fraktur-Q bei 2 Sam 6,6, Eintrag c zeigt dies an). Ruft man die Biblical Dead Sea Scrolls Database auf, findet man drei Handschriften des Buches Samuel. Die hier relevante Handschrift ist 4QSamuel a (4Q51). Wenn man sie öffnet, kann man die Stelle 2 Sam 6,7 aufrufen (linke Spalte oben). Dort heißt es im hebräischen Text, dass Gott zornig wurde, weil Ussa seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, und dass Ussa "vor Gott" starb. Genau diese Fassung des Samuel-Textes hat die Chronik in ihre Version der Geschichte in 1 Chr 13,10 übernommen (linke Spalte unten, Zürcher Bibel). Die Chronik hat also nicht den hebräischen Text von 2 Sam 6,7 verändert, sondern hatte eine andere Version dieses Verses vorliegen, eine Version, wie sie sich noch in der Qumran-Handschrift 4Q51 erhalten hat.

4qsama_1

(Durch Klicken auf das Bild wird es vergrößert.)

Der Talmud

Ein Zusatzprodukt von Logos sind die beiden Talmudausgaben in englischer Sprache von Jacob Neusner (Babylonischer und Jerusalemer Talmud). Dabei kann man sich nach Aufrufen der beiden Ausgaben unter „Bibliothek” (das Buchsymbol neben dem Häuschen oben links) diese nebeneinanderstellen und diese Darstellungsweise unter „Darstellung” mit einem Namen (z.B. eben „Talmud”) abspeichern. Später kann man diese Anordnung des Arbeitsplatzes aus der Liste wieder abrufen. Das Inhaltsverzeichnis (hier beim Babylonischen Talmud sichtbar) kann über die Schaltflächen « bzw. » aus- oder eingeblendet werden.

Fazit

Für die Bibelwissenschaft herausragend ist die Bereitstellung der textkritischen Apparate der Standardausgaben der Hebräischen und Griechischen Bibel, Altes und Neues Testament („German Bible Society Bundle”). Das Baukastensystem von Logos/Verbum ermöglicht ferner die individuelle Zusammenstellung der gewünschten Inhalte und die stete Erweiterung nach den eigenen Bedürfnissen. Dabei wird von Logos/Verbum nicht nur die Bibelwissenschaft, sondern die Theologie insgesamt mit digitalen Medien versorgt. Die Bedienung des Programms ist nach einer gewissen Eingewöhnungsphase ansprechend und angenehm (deutschsprachige Benutzeroberfläche!). Die leichtere Bedienung ist auch dadurch bedingt, dass weniger Einstellungsmöglichkeiten vorhanden sind als bei anderen Programmen (BibleWorks, auch Accordance). Die Nutzung der erworbenen Inhalte kann - mit gewissen Einschränkungen - auch auf mobilen Endgeräten (Android, iOS) sowie online erfolgen. Für den Einstieg in Bibelsoftware und digitale Medien in der Theologie ist Logos/Verbum sicher zu empfehlen, auch dürfte die Investition krisensicher sein, da die Mitnahme der einmal erworbenen Inhalte auf höhere Versionen und größere Pakete ohne weiteres möglich ist. Ein Preisvergleich zwischen den Softwareangeboten verschiedener Anbieter ist schwierig, da die jeweiligen Pakete immer wieder neu zusammengestellt werden. Ein guter Ausgangspunkt für die Bibelwissenschaft sind die Angebote der Deutschen Bibelgesellschaft (derzeit „Stuttgart Scholarly Editions”, evtl. auch im reduzierten „Core Bundle”). Teurere Pakete haben diese Inhalte schon an Bord und bieten dann noch mehr. Auch fortgeschrittene Nutzer von Bibelsoftware können von Logos/Verbum profitieren.